Man nannte mich Fanboy. Mein Leben habe ich jahrelang über Google organisiert. Kalender, Mail-Account. Bilder hatte ich bei Picasa. Und alle meine Endgeräte waren so eingerichtet, dass mir die Daten immer und überall zur Verfügung standen, selbst wenn da ein Apfel hintendrauf war. Und, ja klar, meine RSS-Feeds habe ich im Google-Reader gesammelt.

RSS… was?! Kennt fast niemand. Hat man schon mal gelesen, klar. Aber nur so halb wahrgenommen. Wahrscheinlich hat Google deshalb den Dienst auch eingestellt. Oder zumindest angekündigt, dies zu tun. Denn richtig mainstream ist das alles nicht so wirklich geworden.

Das ging bisher immer wunderbar im Google-Reader; weil er offen war und von vielen Programmen und Apps benutzt werden konnte.

[accordian][toggle title=“Wozu ist das denn eigentlich gut?“ open=“no“]RSS bildet eine Möglichkeit, kurze Ausschnitte oder lange Artikel maschinenlesbar aufzubereiten. Das heißt: Ihr interessiert euch für ein paar Blogs, für ein paar Ressorts auf Newsseiten und müsst dank RSS nicht alle Seiten ansteuern, sondern könnt sie euch ganz bequem in einem RSS-Reader anschauen. Mir spart das unheimlich viel Zeit und bildet eine Schnittstelle, die ich für Twitter, Facebook und Linkorganisation nutze. Denn selbst ich muss versuchen, in mein heißgeliebtes Chaos etwas Ordnung reinzubekommen, um nicht gänzlich durchzudrehen.[/toggle][/accordian]

Ja okay. Es hat sich ja angekündigt, dass Google den Reader nicht mehr so wirklich mag: Seit Ewigkeiten haben die Kalifornier den Dienst nicht weiterentwickelt und vor zwei Jahren sogar böse beschnitten, um Google+ zu pushen. Und natürlich gab es deshalb auch schon die ein oder anderen Gerüchte, dass Google den Dienst bald einstellen könnte. „Eigentlich entschieden sie sich irgendwann im Jahr 2010, den Service zu killen“, sagte Brian Shih jetzt auf Quora. Der ehemalige Produktmanager vom Reader zählt auf, wie das Team über die Jahre ausgeblutet ist: 2008 wurde es abgezogen um OpenSocial zu bauen, 2009 für Buzz und 2010 sollten sie Google+ mitentwickeln. „Ironischerweise glaube ich, dass Google das Reader-Team abgezogen hat, um diese anderen Social-Services zu entwickeln, weil das Team einfach ‚Social‘ verstanden habe“.

Und heute war es dann soweit: Frühjahrsputz. Der Google-Reader wird eingestellt. Weshalb ich auch endlich einen Grund hatte mich um Alternativen zu kümmern. Und dabei bin ich auf eine wunderbare Lösung gestoßen: Das kostenpflichtige Fever.

Fever finde ich aus mehreren Gründen genial:

  • Man hostet das Script selbst
  • Die Einrichtung ist denkbar einfach
  • Das Konzept ist innovativ
  • Andere Apps bieten schon eine Fever-Unterstützung an

Erhöhte Temperatur: Je mehr Quellen sich auf einen Artikel beziehen, umso heißer ist der auch.

Erhöhte Temperatur

Eine simple und gerade deswegen auch geniale Idee: Fever wertet nämlich gleich einmal aus, wie viele Feeds sich eigentlich auf die gleiche Quelle beziehen. Denn wenn viele über etwas schreiben, dann ist das ja bestimmt auch wichtig. Fever gibt einem zusätzlich noch die Möglichkeit, ob man die heißesten Artikel des Tages, der Woche, etc. anzeigen zu lassen. Eine Art privates Rivva, sozusagen.

Um die Ergebnisse noch zu präzisieren, kann man in Fever sogenannte Sparks anlegen. Das sind Feeds, die nicht im Hauptfeed angezeigt werden, aber trotzdem die Temperatur von den Artikeln erhöhen können. Alles klar? Da kann man beispielsweise die Feeds aus Pinboard, Delicious oder anderen Bookmarkin-Dienste reinhauen. Meistens sind die Links ja toll, die Präsentation (nur der Linktext) aber wenig ansprechend. Mein Pinboard-Account sieht beispielsweise so aus. Haut man von interessanten Leuten die Bookmarks in Fever, dann werden die Ergebnisse natürlich auch interessanter – und man muss sich nicht durch Linkwüsten quälen.

Übersichtliches Design

Drei Spalten sollen für die Übersicht sorgen.

Zum Design kann man eigentlich nix sagen; denn es existiert nicht so wirklich. Shaun Imman ordnet das Feedchaos in drei Spalten: Die Ordner, die Quellen und die Beiträge. Ein Menü steht etwas uninspiriert ganz links zur Verfügung.

Aber es funktioniert. Auch wenn mir die Farbauswahl, die uns der Entwickler vorgibt, nicht so wirklich zusagt, ist die GUI durchdacht, logisch und übersichtlich. Und man kann es gänzlich über die Tastatur bedienen.

Am iPhone kann man Fever inzwischen schon mit der Reeder-App verbinden. In den Mac-Versionen ist das leider noch nicht möglich.

Alles in der eigenen Hand

Und mit der größte Vorteil: Wenn ich den Dienst einstellen möchte, kann ich das tun. Denn: Ich bin mit dem Dienst erst einmal autark. Und das ist ein tolles Gefühl.

Jetzt brauche ich nur noch eine funktionierende Alternative für die Google-Docs. Kalender synce ich nun mit der Kalender-App von Apple, für Mails habe ich meinen eigenen Server, Bilder kommen in die Dropbox. Google ist mich fast ganz los. Ganz unemotional. Vom Fanboy bis zu diesem Punkt hat das nicht einmal zwei Jahre gedauert.

Nicht schlecht, Google.